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18.08.2012

Wie Barrierefrei ist die Innenstadt von Merseburg?

 

MZ vom 07.08.2012 - MERSEBURG/MZ - 20 Minuten von der Stadtkirche St. Maximi bis zum Dom in Merseburg? Das erscheint zunächst für einen Weg, der bei normalem Schritttempo etwa fünf Minuten in Anspruch nimmt, etwas viel. Nicht so aber, wenn man die Strecke mit Rollstühlen zurücklegt.

Das und die Barrierefreiheit in der Innenstadt haben Lorenz Weber, Jan Mennicke, Rene Gumbrecht, Marcel Schuchert, Christoph Schulze und Jonathan Rumpold getestet. Die Mitglieder der Jungen Union, Jugendorganisation der CDU, haben sich dazu vom Sanitätshaus Graf die Rollstühle ausgeüehen. „Wir wollen testen, wie barrierefrei Merseburgs Innenstadt ist, weil jeder von uns im näheren Umfeld Rollstuhlfahrer hat und wir deren Sichtweise annehmen wollten", erklärt Christoph Schulze die Motivation. Außerdem könne es durch Unfall oder Krankheit jeden plötzlich treffen, dass man auf einen Rollstuhl angewiesen sei.

Schon der leichte Anstieg über den Entenplan zur Burgstraße ist schwierig. Nur rückwärts schaffen es die Rollstuhlfahrer auf den Fußweg, der eigentlich über abgesenkte Bordsteine verfügt. Doch das Pflaster ist - obwohl es trocken ist - rutschig, die Räder drehen durch. Mühsam kämpft sich die Gruppe über die Rampe am Apothekerbrunnen über Kopfsteinpflaster und so manchen, aber an jeder Straßenecke abgesenkten, Bordstein weiter bergan. Am Krummen Tor sind die 19- bis 25-Jährigen schon ziemlich erschöpft. Es gehe in die Arme, sei unheimlich anstrengend, meinen alle. „Hätte ich gewusst, worauf ich mich hier ein- lasse ...", lässt Marcel Schuchert den Satz unvollendet. Aber es gehe eben gerade darum, dies im Selbstversuch zu erfahren, meint Jonathan Rumpold.

Überraschend für alle ist die Hilfsbereitschaft vieler Menschen in Merseburg. So auch des Ehepaares Sebastian, das aus Fürstenwalde zu Besuch ist und den Bereich am Schloss besichtigt. Sie hätten da gar nicht überlegt, sondern einfach geholfen und die Rollstühle den Berg hochgeschoben. Da sei egal, ob das ein älterer oder junger Mensch sei, das sehe man von hinten nicht, sagen sie.

Immerhin: In den Dom gelangt man mit Rollstuhl, er verfügt über eine entspre- chende Rampe. Auch die Neumarktkirche habe einen Behindertenlift berichtet Stadtführerin Lieselotte Witte, die zufällig vorbeiläuft. Doch das historische Ambiente rund um Dom und Schloss sei wegen des Pflasters und der Anstiege sicherlich schwieriges Gebiet für einen Rollstuhlfahrer. Aber daran werde man nichts ändern können, glaubt sie. Weil der direkte Weg zu beschwerlich ist, müssten Betroffene oftmals auch Umwege in Kauf nehmen.

Im Bereich Gotthardstraße sind fast alle Geschäfte ebenerdig und damit gut zugänglich, stellt die Rollstuhlgruppe fest. In der Bahnhofstraße ist es hingegen unterschiedlich. Der Blumenladen von Bianca Uebe-Witfer ist beispielsweise gut zu erreichen. „Rollstuhl, Kinderwagen oder Krankenfahr- stuhl - alle passen in den Laden, das ist auch so gedacht, dass man sich mit solchen Gefährten hier be- wegen kann", sagt die junge Frau. Auch in der Buchhandlung Stoll- berg gibt es keine Probleme. Anders beim Fotostudio wenige Meter weiter: Die zwei Stufen in das Geschäft sind ein fast unüber- windbares Hindernis. „Wir helfen jedem in den Laden, das ist selbstverständlich. Eine mobile Rampe oder ähnliches wäre aber noch besser, da lassen wir uns etwas einfallen", sagt Mitarbeiter Alexander Wintzer, nachdem es drei Leute brauchte, um Jonathan Rumpold im Rollstuhl in den Laden zu bugsieren.

„Schwachstellen gibt es schon, aber Merseburg ist insgesamt gut dabei was Barrierefreiheit betrifft. Dennoch müsste im Bereich Dom noch was passieren", sagt Rumpold in Richtung Stadtverwaltung. Lieselotte Witte und die Tester sind aber einhellig der Meinung, dass die Stadt Rollstuhlfahrer über die besonderen Begebenheiten offen hinweisen sollte.

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